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© Ronald Willmann
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Der Siegerbeitrag vom 4. November: Birgit Kraneiß-Hopp: Freiheit hat fÜr mich mit viel Luft zum Atmen zu tun. Freiheit bedeutet den Kopf heben und den Vögeln folgen können, fliegen können, ganz einfach in Gedanken mit einem spÜrbar pochendem GlÜcksgefÜhl in der Lunge. Ich liebe Vögel. Ich bin ein Freiheit liebender Vogel. Das hei¿t aber nicht, dass so jeder Vogel mir auf dem Kopf rumtanzen darf. Und so sammeln sich in meinem folgenden Text einige kleine Betrachtungen Über die Taube. TAUBEN Tauben, eigentlich mag ich ja keine Tauben. Das hei¿t, diese Taubenmassen. Tauben, die in Schwärmen auftauchen und gurren und flattern. Besonders das Flattern! Während des Geraschels ihrer FlÜgelschläge sehe ich kleine herausfallende Zecken vor meinem inneren Auge auftauchen, die auf meine Haut springen, an mir saugen und wachsen. Auch wenn sogleich in der Phantasie als Gegenangriff Aschenbrödels schneewei¿e Ruckedigu - kein Blut ist im Schuh-Täubchen, meine Zecken - Gruselbilder wegwischen wollen. Tauben, ich mag keine Tauben. Taube klingt wie taub, wie Staub, wie grau - uh uh Staub, wie Fusseln im Mund und kleine Daunenfusselschnipsel an den Lippen klebend beim Betten ausschÜtteln … hhhhhh, Staub, Taubenkacke, die die Sonne trocknet, dann Staub, den der Wind bläst, Staub…hhuhu ich muss das Fenster schlie¿en, oder öffnen, ich krieg keine Luft mehr …Tauben. Picassos Taube!! - mochte ich. Ein paar Pinselstriche waren fÜr mich der Frieden. Schon als Kindchen im Kindergarten war die Friedenstaube fÜr mich das allmächtige fliegende Tierwunder ohne Federn, Greten und Knochen. Auf Papierfähnchen schwenkte ich sie gen Himmel. Und hab sie seitdem nie mehr gesehen. Tauben, ich mag Tauben nicht, weil sie sich so verstellen können. Seit dem ich aus dem Aschenputtel - Märchen - Alter heraus gewachsen bin, klingen die Rufe der Tauben irgendwie anders. Sie wollen oft so klingen wie kleine galante Kuckucks! Das ist unglaublich! Ich find das unverschämt und frech! Manchmal höre ich in der Stille des Sonntagmorgens am geöffneten Fenster einen Kuckuck rufen. Mein Herz flattert mir dann sofort vor Freude hei¿e Glut ins Gesicht, meine Augen werden weit und meine Konzentration zielt genau in die Richtung aus der der Ruf zu kommen scheint. Ich versuche angespannt in freudiger Erwartung den wahrhaftigen Kuckuck auch mit den Augen zu erkennen. Ich liebe Kuckuck Rufe, sie erinnern mich an volkstÜmliche Weisen. Einsame Wanderer auf Wiesen ausgestreckt, ein Grashalm im Mund, ein stilles Wäldchen, leise raschelnde Spitzenröcke, barfu¿ hÜpfende Mädchen mit Blumenkränzen in goldenem Lockenhaar, durch Bäche springend, hinunter ins Tal oder so ähnlich, und dazu läutend des Kuckuck klaren Lieds, in frischer Luft. Ich liebe es!! –so klingt Freiheit. …aber dann - seh ich - auf einem abgebrochenen Zweig eines Baumes eine graue Taube hocken, die nur so tut, als wäre sie ein Kuckuck, die nur so tut als wäre sie die frischeste Waldluft - Freiheit Über alle Grenzen hinweg, hurrrrkuck hurrr kuck, nicht so klar, wie ein Kuckuck, mehr Staub in der Stimme, hurrrgguurrrrruuck…huurrgguuurruuukkk …… Unglaublich – unverschämt und frech!! Und enttäuscht sitze ich am FrÜhstÜckstisch und mein liebevoller Gatte säuselt mir dann auch noch geflÜgelte Worte ins Ohr. „Mein Täubchen, mein zartes Täubchen, Liebes, wärst du so liebherzlich und reichest deinem Bärchen bitte das Sahnekännchen?“ So ein zuckersÜ¿es Taubengesäusel kann ich in solchen Enttäuschung geschwängerten Momenten gar nicht ertragen, auch nicht aus der warmen Mundhöhle meines Liebsten. Tauben, Tauben, Täubchen… …mein Gott…bei dem Wort Täubchen wird mir aber nun wiederum auch ganz tragisch ums Herz. Täubchen klingt so klein, so nackt, so wehrlos, so stimmlos, so gekocht, so nur Haut und Knochen, handtellerklein, in der Suppe schwimmend, zwischen Mörchen und RÜbchen, mit Petersilienfusseln auf der Haut. Beim Griechen auf dem Teller allerdings, so musste ich erfahren, sind Täubchen ja nun schwarz gegrillte Hölzer aufgebahrt in einer betäubenden mulmenden Knoblauchso¿e oder hinein gezwängt in einengende salzige Kräutermäntel. Zudem ihre kleinen Fu¿knöchelchen in dicke pralle schwarze Oliven stecken. Da erinnere ich mich gleich – ja … dort in dem Restaurant, in dem ich an diesen Hölzern rumknapperte, arbeiteten mindestens 12 griechische Männlichkeiten, deren Haarprachten allesamt selbst schwarz wie Ebenholz waren. Liebevoll weich gekochte Täubchen dagegen aber servierte mir ein zarte kleine 80 jährige Frau, in grauer KittelschÜrze steckend, mit dÜnnem wei¿em Haar. So sonderbar, wie es auch war, so friedvoll und schön war dieser Tag. Das Häuschen gehörte dem Söhnchen, der zÜchtete Täubchen, und wollte ein Bildchen gemalt, von mir, natÜrlich Täubchen, na klar, wie wunderbar. Ich malte die Tauben, die kleine Alte kochte das Essen fÜr die Pausen. Dann a¿en wir beide zusammen in dem Häuschen am Waldesrand. GenÜsslich, als wär’s das grö¿te GlÜck auf Erden, zog sie die kleinen Knöchelchen aus ihren zusammengepressten Lippen, lutsche an ihnen und zutschte, bis sie sauber zwischen unseren beiden Tellern landeten. Fatsch, einfach so auf der geblÜmten Tischdecke, na ja, die war aus Plaste, trotzdem war es mir peinlich, die Stöckchen aus meinem Mund direkt auf den Tisch zu legen … ich hatte noch nie so kleine HÜhnchen auf meinem Teller … aber es war ein Essen zum Schmatzen. Trotzdem ….ich mag keine Täubchen und Tauben oder Tauberiche … Richard Tauber, seine Stimme, seine Lieder, sein Leben rÜhrt mich … ihn mag ich… Aber ich wei¿ nicht, warum man Tauben zÜchtet, zu prächtigen extravaganten Taubenexemplaren, mit hohen Punktzahlen, die ausgezeichnet werden, fÜr die es Pokale gibt, deren Bild man sich auf Krawatten malen lassen kann, weil man stolz Über seine ZÜchtung ist. Es gibt VerkehrtflÜgel Kröpfer, Brunner Kröpfer, Pommern Kröpfer Wei¿ … all die Zuchtobjekte sehen nicht so aus wie ganz normale Tauben!!!! - und das finde ich höchst bedenklich! An einer Fensterscheibe durfte ich vor einiger Zeit ein Naturkunstwerk entdecken, von welcher Art ich vorher noch nichts wusste, nicht mal etwas ahnte. Ich sa¿ in einem Wartezimmer mit gro¿en Scheiben und harten StÜhlen. Die Sonne stand hartnäckig auf dem schmutzigen Glas, das Warten war öde, ich träumte mich durch die Scheiben in den Himmel, und blieb an einem Kunstwerk hängen - das Abbild einer Taube. Der augenscheinlich bei dem tragischen Aufprall auf das Glas entstandene Abdruck sah aus wie das feinste vollkommenste Werk eines hoch sensiblen KÜnstlers. Eine hauchdÜnne Zeichnung, eine Lithografie, ein Traum von einem Kunstwerk. Ich stand direkt davor, ganz dicht, die anderen Wartenden dachten wahrscheinlich: Was gibt es da zu sehen??? Was ist da tolles? Nichts! Denn sie blätterten weiter in Lydia oder Bild der Frau… Mich guckte haarnadelscharf eine Taube an! Mit ausgebreiteten FlÜgeln, im Aufprall fixiert. Unglaublich!! Aber gleichzeitig auch wieder dieser aufwallende rÜttelnde Sekundenekel in mir: bei dem Aufprall mÜssen unzählige Zecken herausgeschleudert worden sein. „Sehen Sie die Taube?“ Den anderen im Wartezimmer war die Frage peinlich, sie antworteten nichts. Egal, ich staunte alleine weiter. Mist, und keinen Fotoapparat dabei, wie fotografiert man ins volle Sonnenlicht hinein, eine Glasscheibe dahinter hellblauer Himmel, und davor ein Hauch von Kunst? Das ist Kunst! Da brauch mir keiner mehr was erzählen….. Mhm - ??... Tauben. Kleine Tauben aus Wachsblättchen herausschneiden mit einem Skalpell, fÜr die Dekoration einer Taufkerze, macht Spa¿. Wei¿ gepuderte Wuscheltauben Über Brautpaare in den Himmelaufbrechend zu sehen, ist nichts fÜr mich. Zu Brieftauben habe ich keinen Bezug. Aber dann plötzlich diese Taube an meinem Atelierfenster. Kurz vor meinem fÜnfzigsten Geburtstag, 50 cm von mir entfernt. Ich lese gerade einen Auszug aus einer Geschichte: …die Frau sitzt in der Badewanne, faltet Papierschiffchen, steigt in eines hinein und schippert davon. Das kann ich auch. Ich seh nur den Kopf und den Hals der Taube, sie schaut mich an, ich sie, sie zwinkert mir zu, ich sitze steif, atme in den Bauch, so heben sich meine Schultern nicht, ich bin eine Statue. Bleib sitzen Taube, bleib sitzen…. Lass mich dich ein bi¿chen anschauen, Oh wie schön du bist, eigentlich nur eine graue Stadttaube, aber jetzt schillert dein Hals tÜrkisgrÜn, dazwischen violett perlmuttflieder, jetzt zeigst du dich in meinen Lieblingsfarben … eine kleinen rosafarbenen schönen Schnabel hast du, willst du mir was singen? ganz ohne Kuckuckimitation? Du willst mir was zeigen, ich soll das Fenster öffnen, ich soll mit dir mitkommen und fliegen?? Na klar…wenn man in Papierschiffchen davon schippern kann, dann kann ich auch auf einer Taube fliegen. ..…kann ich mein Handy mitnehmen, falls jemand anruft, nein? Ne Jacke? Nein? Wo willst du hin mit mir??? Und schon werd ich immer kleiner, und noch kleiner. Halt, nicht so schnell, ich muss erst mal aufs Fensterbrett und das Fenster aufmachen. Und dann bin ich auch schon so klein wie die Taube. Gleichmä¿ig und klar gurrt sie ein Taubenlied. Ich schwing mich auf ihren warmen Rücken, schling die Arme um ihren Hals. Da hebt sie ab, und wir fliegen. Wow!!! Die Zweitplatzierte: Kornelia Eleonore Hofmann: Alwin oder wie die „Wende“ unseren Kater zahnlos machte Als im November 1989 die Grenze zwischen Ost und West fiel, brachte das auch in unsere Familie mit zwei Söhnen einige Turbulenzen. Im  Nachhinein können wir uns Gott sei Dank zu den Gewinnern des Umbruchs zählen. Auf künstlerischem Gebiet tätig konnten wir endlich ungehindert  reisen, unserer Kreativität freien Lauf lassen, uns wirtschaftlich auf eigene Beine stellen und einige Aufs und Abs gut verkraften. Einzig unser  Hauskater Alwin hatte in jenen Wendetagen schwer zu leiden. Im wahrsten Sinne des Wortes wurde sein weiteres Leben von „einschneidenden“  Maßnahmen beherrscht. In der Blüte seiner Jahre stehend, mit rotweißem Fell, war er eine imposante Erscheinung. Fremden gegenüber verhielt er sich sehr kritisch. Er  prüfte ihr Wohl-wollen ihm gegenüber, und nur selten verschenkte er seine Zuneigung. Am liebsten philosophierte er den lieben langen Tag vor sich hin. Das muß wohl an seiner Herkunft gelegen haben. Wir hatten ihn als Jungtier aus einem Schriftstellerhaushalt übernommen. Die Nachbarskatze würdigte er kaum eines Blickes. Seine ganze Aufmerksamkeit galt dem Futternapf. Die Mahlzeiten waren mittlerweile zu seinem  Lebensinhalt geworden. Irgendwo hatten wir mal gelesen, Essen sei die „Erotik des Alters“. Dieser Ausspruch schien wohl auf ihn zuzutreffen.  Den ganzen Tag durchstreifte er unser Haus immer auf der Suche nach kulinarischen Genüssen. Klagen konnte er nicht. Stets wurde sein  Wunschmenü gekocht, und einmal in der Woche gab es rohes Rindfleisch. Das ließ ihn total dahinschmelzen. Und seine sonore Stimme schnurrte  laut und lang-anhal-tend. Aber dann kam jener Spätherbst im Jahre '89, der bei Alwin ein sehr schmerzhaftes Erlebnis hinterließ. Unter den vielen neuen Lebensmitteln in ihren bunten Verpackungen, die nun Einzug in unsere Küche hielten, waren auch viele silberne Schälchen  und sogar Dosen, auf denen wohlgenährte, wunderschöne Katzen zu sehen waren. Der Inhalt der Dosen machte aus dem doch schon etwas trägen Kater wieder einen flotten Stubentiger. Kaum vernahm der das „Clic“, das Öffnen  des Deckels, sprang er aus der entferntesten Ecke der Küche an den Futternapf. Meistens konnte er es gar nicht abwarten, bis sich ihr Inhalt  entleerte, und er trommelte mit den Pfoten gegen die Dose, so daß sich die „feinen Bröckchen in Gelee“ gleich auf seinem Kopf und auf dem  Küchenfußboden verteilten. Montags gab es nun Huhn in heller Soße, dienstags Wild in Gelee, mittwochs Rind in feinem Gemüse und so weiter und sofort. Dazwischen paßte  immer noch ein Vitaminsnack für den braven Kater. Eines Tages war Alwin allein zu Haus. Als unsere Familie spät am Abend zurückkehrte, klang ein jämmerliches „Miau“ zur Begrüßung an unser Ohr.  Wir wollten unseren Augen nicht trauen. Im weit aufgerissenen Maul von Alwin war kein einziger Zahn mehr. Nur noch Bruchstücke klafften aus dem  Kiefer, und Blutstropfen zierten seine weiße Kuscheldecke. Was war geschehen? Wir versuchten, der Sache auf den Grund zu gehen. In der Küche wurden wir fündig. Wild verstreut lagen vor dem Vorratsregal die Katzenfutterdosen, blutverschmiert und halb aufgebissen. In den Blechdeckeln steckten wie Trophäen  Alwins Zähne. Er hatte sie sich beim Öffnungsversuch abgebrochen. In unserer Abwesenheit hatte sich bei ihm wohl der Hunger gemeldet und er versucht, die blechernen Dosen, deren Aufmachung er sich genau  eingeprägt hatte, irgendwie allein aufzubekommen.  Fortan mußte er sich mit Schonkost in Form von Brei zufriedengeben und auf die Errungenschaften der neuen Zeit verzichten. So hatten auch wir in unserer Familie ein Opfer der Wende zu beklagen. Wenngleich Alwin aus dieser Not letztendlich eine Tugend machte. Aber das ist schon wieder eine neue Geschichte. Der Dritttplatzierte: Ralf Becker: Hände Der Mensch ist mit zwei Händen gemacht, mit denen er schaffen soll mit Bedacht. Zu seinem und seiner Mitmenschen Wohle, damit ihm am Ende der Teufel nicht hole. Hände halten oft zu lange fest, was sich doch nicht halten lässt. Wollen einfach los nicht lassen, da beginnt man sie zu hassen. Hände bauen auf und reißen wieder ein, kein Stein soll mehr auf dem anderen sein. So wurde Tradition und Geschichte zerstört, weil kriegerische Hand die Stimme der Vernunft nicht hört. Hände in den Schoß legen nicht nur die Alten, sondern auch arbeitsscheue Gestalten. Hände müssen jedoch auch ausruhn von dem Tagewerke Tun. Hände können sich wie ein Segen auf kranke Körperteile legen. Manche Heilkunst magisch unklar noch, bringt dem Kranken Linderung doch! Hände ringen sich vor Schmerz, wenn einem Menschen bricht das Herz, weil ein lieber Mitmensch von ihm ging, an dem sein Herz doch so sehr hing. Hände können zärtlich schenken, können liebevoll andere Hände lenken, dass sie lernen Form zu geben, Dingen, die Mensch braucht im Leben. Hände falten sich zum Gebet. Damit Gott an des Menschen Seite steht, wird er Hände ringend angefleht, wenn das Unglück durchs Leben weht. Hände können wie besessen, ist das Unglück erst vergessen, Geld und Güter an sich reißen und mit Hohn enge Bande schnell zerreißen. Hände können noch begreifen, was der Verstand nicht zu fassen vermag. Als die Sonne flieht den Tag, muss der Gedanke lange noch reifen.
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