© Ronald Willmann
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Treten sie ein!
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Herzlich willkommen: Treten Sie ein, machen Sie es sich bequem in der Lichtensteiner Lese-Lounge! Knabber- gebäck steht bereit, zu trinken gibt es am Einlass, geraucht wird – wenn überhaupt – allerdings nur vor der Tür. Das Lesevergnügen beginnt in wenigen Augenblicken. In der Lichtensteiner Lese-Lounge erwartet Sie Unterhaltung, Amüsantes, Spannendes, Nachdenkliches, Kritisches, Düsteres und Humoriges. Der Fantasie sind keine Grenzen gesetzt. Sie treffen etablierte Autoren, heimliche Talente, Hobby-Schreiber und Teilzeit-Poeten. Jeder bekommt die Chance, interessante Texte dem Publikum vorzustellen. Und jeder, der mitmacht, stellt sich dem unbestechlichen Urteil des Publikums! Aufgebaut wird die Lese-Lounge mittlerweile in der Welt der Bits und Bytes. Die virtuelle Welt ist doch, wie wir feststellen mussten, etwas weniger begrenzt und gehemmt als die kulturell-literarische Szene in einer netten, anheimelnden Kleinstadt mit seinen engagierten Bürgern, vielfältigen Vereinen, Tanztees, Bürgerversammlungen und Gesprächsrunden. Da die Lounge jedoch ohne Probleme transportiert werden kann, ist es zukünftig auch denkbar, sie wieder in richtigen Räumen und anderen Orten aufzubauen. Voraussetzung ist nur, dass sich interessante Autoren und interessierte Zuhörer finden! Der Eintritt kostet Sie lediglich ein bisschen Neugier. Bereut hat es bislang noch niemand! Da tut sich etwas in der Druckerei! Man muss auch mal ernst sein können - und es gibt genug ernst Themen in unserer Gesellschaft. Eines davon ist der zunehmende Hang zum Rechtsextremismus. Mit einem pauschalen “Der Osten ist eben eher rechts” lässt sich das nicht erklären. Wie weit die Ursachen mitunter zurückreichen, damit befasst sich der neue Gesellschaftsroman von Ronald Willmann. “Modellversuch” erscheint voraussichtlich im ersten Quartal 2020 (wenn sich Lektor und Autor noch irgendwie friedlich einigen) im Leipziger Einbuch-Verlag und skizziert beängstigende Zusammenhänge und unergründliche Kämpfe um Macht und Einfluss - eingebettet in die Geschichte des investigativen Reporters Arne Heller. Kleine Leseprobe aus diesem ungewöhnlichen Polit-Krimi? Im Dämmerlicht des Unterbewusstseins geschehen mitunter merkwürdige Dinge. Alles vermischt sich und die Fantasie übernimmt, von der Realität lediglich assistiert, die Führungsrolle. Ich liege nicht mehr zerschlagen neben einer Fabrikruine, nein, das ist nur ein Traum, das habe ich doch verstanden! Ich liege – ja, wo liege ich eigentlich hier? Es muss eine Wiese sein, und es ist hell. Hell, das ist gut. Nur nicht mehr von dieser schrecklichen Dunkelheit träumen, ein richtiger Albtraum ist das! Es ist hell, ich liege nur hier, weil ich es möchte und nicht, weil ich nicht anders kann. Ich höre – Vögel. Ja, zweifellos, es ist ein Vogel, der da zwitschert, ganz in meiner Nähe. Es ist so hell, dass ich, geblendet von dem vielen Licht, nichts sehen kann. Er muss aber hier irgendwo sein, vermutlich ein zahmer Vogel, denn sonst wäre er bestimmt längst weggeflogen. Aber sein Zwitschern klingt gar nicht lieblich, finde ich. Nicht schön und auch nicht wirklich fröhlich, nein, das ist schade. Liebliches Vogelgezwitscher würde passen zu so einer schönen, hellen Blumenwiese. Naja, da kann man nichts machen, man kann es sich eben nicht aussuchen. Ich sehe den Vogel. Er ist klein, sitzt am Boden, hüpft und, nun fällt es mir ganz deutlich auf, er piepst ziemlich kläglich. Jetzt kann ich es erkennen: Er zieht einen Flügel hinter sich her und taumelt im Kreis, als wäre er betrunken. Der Glöckner von Notre Dame im Federkleid! Nein, das ist nicht witzig, darüber macht man keine Späße, wenn eine Kreatur leiden muss. Wäre ich in so einer prekären Lage, möchte ich auch nicht, dass andere über mich lachen. Ich muss dem kleinen Vogel helfen, denn ich liebe Tiere, ich achte das Leben, und der kleine Vogel tut mir leid. Na so etwas! Plötzlich fällt mir das Absonderliche an dieser Situation auf: Ich kann mich selbst dabei beobachten, wie ich zu dem Tier gehe, um ihm zu helfen. Ich dachte, das wäre unmöglich, aber da muss ich mich wohl geirrt haben, denn ich erlebe es soeben, dass es geht. Donnerwetter, wie jung ich aussehe! Ich bin ja ein Kind! Die Zeit vergeht wohl doch nicht so schnell, wie man immer glaubt. Aufgeregt flattert und hüpft der kleine Kerl davon, aber immer noch im Kreis. So entkommt er mir natürlich nicht, und ich will ihm doch nur helfen. Er muss eine Todesangst haben, selbst vor mir, seinem Helfer! Na, wenn ich jemals so in der Bredouille stecken würde wie er, ich wäre aber heilfroh, wenn mir jemand zu Hilfe käme! Vorsichtig greife ich nach ihm. Nur ja nicht mehr verletzen, den armen kleinen Kerl. Vielleicht ist es auch eine „Kerline“. Das weiß man als Laie auf dem Gebiet der Ornithologie – und erst recht als Kind – ohnehin nie so genau, aber das spielt auch keine Rolle. Meistens sagt man Kerl oder Kerlchen zu kleinen, niedlichen Tieren, denke ich, während ich mich selbst weiter beobachte bei meinen angestrengten Bemühungen. Es sieht beinahe putzig aus, wie er versucht zu entkommen und ich ihm vorsichtig hinterher greife, als ob ich Angst vor ihm hätte! Nein, ich weiß, ich will ihm nur nicht wehtun, der Piepmatz hat genug durchgemacht. Möglich, dass er von einer Katze angefallen wurde, oder aus dem Nest gestürzt ist. Manchmal sollen sogar die eigenen Geschwister den jüngsten Futterkonkurrenten aus dem Nest werfen. Unglaublich, wie brutal die Natur sein kann! Da fällt ein Schatten auf mich. Ein Mann. Er steht neben mir, schaut mir kurz zu, räuspert sich abschätzig. Dann dreht er kurz den Kopf, zieht geräuschvoll den Rotz hoch, spuckt aus, tritt mit seinem Stiefel darauf und dreht ihn zwei Mal hin und her. „Lass sein, das wird nichts!“ Die Stimme kommt mir bekannt vor. Rechthaberisch, befehlend. Es ist…, ja, natürlich, es ist mein Vater! Plötzlich weiß ich genau, was als Nächstes kommt. Es ist, als würde vor mir ein magischer Vorhang aufgezogen, hinter dem mir ein Blick in die unmittelbare Zukunft vergönnt wird. Ich halte in meiner Beobachterposition den Atem an. „Lass das sein, du tust ihm nur unnötig weh. Der krepiert sowieso bald. Das einzige, womit du ihm helfen kannst,…“ Mein Vater beendet den Satz nicht. Stattdessen holt er hinter seinem Rücken einen großen, schmutzigen, zerrissenen Lappen hervor, den er dort in der Hand gehalten hat. Die andere Hand hält eine Pfeife, an der er genüsslich pafft. Das Tuch, einmal grob zusammengefaltet, begräbt den immer noch ängstlich piepsenden Vogel unter sich. Es wird leiser, während das Tuch weiter unbeholfen zuckt und von innen heraus ruckartige kleine Bewegungen vollführt. Vater zieht an seiner Pfeife, nimmt sie aus dem Mund. Ich sehe, wie er mich kurz anschaut. Dann hebt er den rechten Fuß – Vater ist Rechtshänder, das weiß ich selbstverständlich, und Rechtshänder benutzen auch vorzugsweise das rechte Bein - und er senkt ihn herab auf das zuckende Tuch. Nicht ruckartig, auch nicht wütend oder verärgert, nur gründlich, kraftvoll; so, als würde er seine Spucke in den Boden verteilen oder eine Zigarettenkippe austreten, damit die Restglut keinen Brand entfacht. So etwas muss man ebenfalls sehr gründlich und gewissenhaft tun. Der Rest Leben erstirbt unter dem Tuch. Vater dreht den Absatz zwei Mal hin und her, um auf Nummer sicher zu gehen, dann dreht er sich um. Ich starre gebannt auf das Tuch. „Was ist? Hol’ einen Besen und eine Schaufel, kehr das auf und bring es in die Tonne! Soll der Mist jetzt etwa hier liegen bleiben und das Ungeziefer anlocken?“ Im Gehen murmelt er etwas aus dem Mundwinkel, in dem wieder die Pfeife steckt. „So hat er es wenigstens kurz und schmerzlos hinter sich. Das ist das einzige, was ihm hilft! Alles andere wäre nur noch mehr Quälerei gewesen.“ Ich höre ihn genau, doch ich bin mir nicht sicher, ob er die letzten Sätze zu mir oder eher zu sich gesprochen hat. Vielleicht musste er sich selbst damit beruhigen, sein Gewissen besänftigen, falls ihm das doch ein bisschen zusetzte ob seiner Gefühllosigkeit. Falls er eines hat. Gut möglich, dass er einfach nur Recht behalten wollte. So wie immer, seine Meinung steht nie zur Debatte, sondern ist Gesetz. Unanfechtbar und das kann man gar nicht oft genug verdeutlichen. Ich stehe da, schlucke schwer, kämpfe mit den Tränen. Ich muss das wegschaffen. „Das“, hat er gesagt, ein Gegenstand, ein Stück Abfall, nicht etwa eine arme, kleine, wehrlose, zu Tode getretene Kreatur. Nicht ein fühlendes Wesen, welches Angst und Schmerz empfinden kann wie wir, sondern ein „das“, nichts weiter als ein schmutziger Rest, der den Weg vor dem Haus verschandelt und deshalb entsorgt gehört. Nicht, dass das die Ratten und Fliegen anlockt und anfängt zu stinken! Ein Leben – wirklich so ein hohes Gut, vom lieben Gott eingehaucht? Etwas Wertvolles? Nein, wahrscheinlich nicht, wenn es so achtlos mit einem Stiefeltritt ausgelöscht werden kann, denke ich und fange lautlos an zu schluchzen. Was ist so ein bisschen Leben schon wert? Jeder, der gerade Lust hat, kann es ungestraft zerstören. Auch ich könnte das – oder vielmehr: ich dürfte das -, doch ich kann so etwas nicht. Mein Oberkörper zuckt leise, ich fange an zu schniefen und versuche krampfhaft, es zu unterdrücken. Nicht, dass er es noch sieht, denn er hat gesagt, dass es so das Beste ist, für den kleinen Vogel. Also gibt es auch keinen Grund zu weinen. Denn nicht er, mein Vater, hat dem armen kleinen Vogel Leid zugefügt, sondern ich. Ich hätte ihn weiter gequält. Er hat ihn davon erlöst, weil er ein gutes Herz hat und immer weiß, was richtig ist. Aber ich – ich wollte ein verletztes Tier quälen, ja, ich war bereits mitten dabei, anstatt selbst zu erkennen, was das Beste für diese Kreatur ist! Sicher hat Vater auch Recht, wenn er hin und wieder sagt, ich sei nichts wert. Aber natürlich! Trotzdem. Ich kann das Schluchzen zwar einigermaßen unterdrücken, aber die Tränen, die kann ich nicht zurückhalten. Ich bin schließlich ein Kind, viel zu klein, und ich kapiere doch sowieso nichts. Das sagt mein Vater immer, wenn ich nicht gleich von allein vorhersehe, was seine Meinung ist. Was richtig ist, genauer gesagt, denn er hat immer Recht und damit ist es nicht mehr nur seine Meinung, sondern eine unumstößliche Tatsache. Ich laufe los, will Schaufel und Besen holen, will wieder einmal verzweifelt versuchen, wenigstens jetzt alles richtig zu machen. Doch ich weiß nicht, wie ich es fertig bringen soll, den kleinen, toten Vogel unter dem Tuch in eine Mülltonne zu werfen. Vielleicht lebt er noch? Nein, völlig unmöglich! Und – hoffentlich nicht, denn was sollte ich dann bloß machen? Dann wäre es doch wirklich nur das Beste, ihn endgültig von seinem Leiden zu erlösen. Ihn richtig tot zu machen. Nein, er kann nicht mehr am Leben sein, denn mein Vater macht grundsätzlich nichts falsch. Ich hoffe, ich finde eine kleine Schaufel, mit der ich ihn hinter dem Gebüsch neben dem Weg begraben kann. Nur ein ganz kleines, flaches Grab, nichts darauf gesetzt, aber besser als in die Mülltonne geworfen zu werden. Ich möchte auch nicht in eine Mülltonne geworfen werden! Dort kann ich dann den alten, zerfetzten Lappen hineinwerfen, den mein Vater über das Tier gelegt hat, bevor er es zertreten hat. Er wird nicht in die Mülltonne schauen und kontrollieren, ob die Vogelleiche da drin eingewickelt ist, denn er hat mir klipp und klar gesagt, was ich zu tun habe. Etwas anderes, als seinen Befehlen Folge zu leisten, kommt nicht in Frage. Irgendwo gibt es bestimmt eine kleine Schaufel oder etwas ähnliches, mit dem ich fix eine kleine Kuhle unter dem Gebüsch ausheben kann. Wo ist sie nur? Ich schaue mich nach allen Seiten um, doch ich entdecke keinen Gegenstand, der einer Schaufel in etwa nahe kommt. Stattdessen entdecke ich das alte, schmutzige, zerfetzte Tuch direkt neben mir. Wie kommt es hier her, ich bin doch gerade von ihm weggelaufen? Und – ich erstarre – es bewegt sich! Es bewegt sich, es scheint auf und ab zu hüpfen, nein, das ist gar kein Tuch, es ist etwas Lebendiges, und es ist auch nicht alt und zerlumpt, sondern farbenfroh und bunt! Es tanzt, alles tanzt jetzt, warum tanze ich nicht mit? Es sieht so schön bunt aus, einem Regenbogen ähnelnd, nur viel mehr Farben, wild durcheinander wirbelnd. Ein leuchtendes Gelb, wie die Sonne, kräftiges Blau, der Himmel, grün wie das Gras im Mai, ocker, braun, violett, wie schön das aussieht! Und natürlich rot, so strahlend, dass es fast in den Augen brennt. Ich kneife die Augen etwas zusammen, ohne mich ganz von den zuckenden, tanzenden Farben lösen zu können. Das Rot tritt jetzt immer stärker hervor, es drängt die anderen Farben zurück, übernimmt die Herrschaft über den Reigen. So viel Rot, nein, das ist nicht gut, rot, das sieht aus wie Blut, wo kommt das nur alles her? Und es ist nicht nur grell, es ist auch laut. Das wusste ich nicht, dass Farben auch laut sein können! Es dröhnt regelrecht, es kreischt, es hämmert. „Hämmern!“, kommt mir plötzlich ein Ausruf in den Sinn, „los, hämmern!“ Das sagte unser Fußballtrainer immer und er meinte damit, wir sollten kraftvoll aufs Tor schießen, volle Pulle. Ich konnte nie so kraftvoll gegen den Ball treten wie andere in unserer Mannschaft. Mein Vater hat gleich gesagt, ich bin eine Memme und Memmen haben nichts beim Fußball verloren. Lärm, hämmern, kreischen, das bedeutet, ich bin nicht allein. Jemand muss doch diesen Lärm verursachen und also ist auch jemand hier. Vielleicht hat derjenige eine kleine Schaufel für mich, damit ich den toten Vogel begraben kann, bevor mein Vater etwas merkt. Hallo, ist da jemand, was soll denn dieser Lärm? Sie könnten mir eventuell mal kurz helfen! Der kleine Vogel! Ich habe ihn ganz vergessen und ich kann ihn auch nicht mehr entdecken. Wo ist er nur hin in all diesem Rot, welches mich jetzt so bedrängt? Dabei war es doch vor kurzem schön, als noch nicht alles so furchtbar bedrängend rot gewesen war! Plötzlich kommt mir die Idee mit dem heimlichen Mini-Grab selbst lächerlich vor. Als ob es keine anderen Probleme auf der Welt gäbe! Rot ist eine aggressive Farbe, ein Alarmsignal, habe ich mal gehört. Da ist Gefahr im Anzug. Aber auch Liebe, ja, es ist die Farbe der Liebe, rote Rosen sind schön, aber dieses Rot hier ist nicht schön, es wirkt irgendwie gefährlich. Auch, weil es so laut ist. Es ist tatsächlich wie Blut. Nein, das ist nicht gut, ich will das Blut nicht sehen! So viel Blut auf einmal, ohne Sinn, ohne Ordnung, das kann nicht gut sein. Von dem kleinen, toten Vogel kann das unmöglich alles stammen. Das hier ist keine Liebe. Das ist – ja, zweifellos, es ist mein Blut, stelle ich fest, und ich bin auf einmal nicht mehr so klein. Ich bin erwachsen und ich blute, ziemlich stark sogar, und auch das kann nicht gut sein. Das Hämmern kommt von meinem Herzen. Es ist, als würde mir eine fremde Stimme dies klarmachen, weil ich nicht von selber drauf komme. Wie schrecklich das in meinen Ohren dröhnt! Immerhin, es ist ein Zeichen dafür, dass das Herz schlägt. Man sollte immer positiv denken. Das Herz hämmert, also kann ich nicht tot sein. Wer weiß, vielleicht wäre aber genau dies das Beste für mich. Bibbernd, hoffend und fürchtend zugleich erwarte ich, dass irgendjemand vorbei kommt und ein altes, schmutziges, zerfetztes Tuch über mich legt. Worauf sonst sollte ich hoffen können?           Interessant? Ich gebe Bescheid, sobald es mehr davon zu lesen gibt!         Euer Lese-Longier Ronald Willmann
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